Es war einmal ein junger Kerl, er hatte viele Freunde und wohnte in einer angesagten Gegend, trug angesagte Kleidung und neuerdings auch eine schöne, kastenförmige Brille mit Fensterglas. Die Brille kostete viel Geld, Geld welches er nicht besaß, aber sein Lifestyle verlangte danach. Er besaß zudem auch ein angesagtes Smartphone, aus echtem Glas, nicht so wie diese Plastikdinger!.. und dazu ein Notebook, aus einem einzigen Block Aluminium gefräst! .. nicht so wie dieser herkömmliche Müll aus Plastik. Dies war ihm wichtig und er sprach mit seinen besten Freunden darüber, weil es ihn bewegte. Oft schlief er ein, mit dem Notebook auf dem Schoß und nur zu gerne spürte er das kühle Aluminium auf seinen Oberschenkeln.
Seit wenigen Tagen nun besaß er seine neue Brille und oft stellte er sich einfach nur so in die Straßen und strahlte. Seine Röhrenjeans saß stramm und sein Shirt mit V-Ausschnitt unterstrich seine nicht vorhandene Brustbehaarung an seiner nicht vorhandenen Brust. Er stand einfach nur so da und lächelte, denn er war zufrieden, nun besaß er alles was ihn glücklich machte.
Eines Tages – inmitten des Lächelns – bemerkte der junge Kerl, dass etwas nicht stimmte! Sein Lächeln verebbte prompt und er fühlte diesen Druck auf der Nase. Als wäre diese Brille aus Blei! Sein Smartphone, sein Notebook und seine Kleidung, alles schien in Ordnung zu sein, doch diese Brille, sie schien zu rebellieren!
Er fühlte sich unwohl und verlor seine Fröhlichkeit. Er brauchte doch dieses letzte Artefakt der Vollkommenheit, denn ohne diese Brille wäre er nichts, nur eine billige Kopie, ein Niemand, ein Irgendjemand, den es schon zigtausend mal gab. Er ging Heim, verließ die Straße und wollte die Brille den restlichen Abend nicht mehr ablegen. diese Nacht, dachte er sich, würde sich die Brille sicherlich an ihn gewöhnen. Diese Nacht würde er sie tragen, sie würde seine Wärme spüren und alles wird gut! Aluminium spendete ihm Nähe und ehe er sich umsah, schlief er sanft und wohl behütet ein. Am nächsten Tag dann schleppe sich der Junge zum Spiegel. Was er da sah und auch schon vorher spürte gefiel ihm garnicht.
Die Brille, sie wog viel, viel mehr als gestern noch. Zudem drückte sie pulsierend in kurzen Abständen auf seinen Nasenrücken. Was sollte er nun tun? Sollte er sie aufgeben? Sollte er weiterhin versuchen diese Brille zu bändigen? Er war verunsichert, denn damit hätte er nicht gerechnet. Die Brille hingeben entwickelte Gedanken, ärgerte sich wieso sie zu einem solchen Objekt verkommen ist. Viel früher, da konnte ihr Glas Dinge vergrößert, half den Menschen um wieder sehen zu können. Nun saß sie dort auf der Nase, zwischen zwei gepuderten Bäckchen, unter gezupften Augenbrauen und einer irren Frisur. Sie verstand nicht was vor sich ging und wieso ihr Zweck einzig der Belustigung diente. Sie wollte helfen, wollte sich nützlich machen und strampelte so fest sie konnte auf und nieder. Hätte sie einen Mund, würde sie schreien. Hätte sie Hände, würde sie dem Jungen die Augen ausstechen. Ihr Hass wuchs und wuchs und der Junge stand einfach nur so da und wollte nicht auf die Brille verzichten müssen. Er schrie: “Sei doch artig und hör bitte auf!”. Die Brille wippte wie verrückt, als hätte sie Ohren und hörte diesen Nonsens.
Die Brille gewann an Wichtigkeit, als würde das Universum auf dem Kopf stehen. Plötzlich hörte sie auf, holte zum letzten Schlag aus und katapultierte den Jungen mit voller Wucht zu Boden. Der Nasenrücken knirschte, das Auge verformte sich wie ein Luftballon gefüllt mit Wasser. Tränen schossen aus beiden Augen und der Junge stützte sich mit voller Kraft vom Boden ab. Die Luft drückte sich aus seinen Lungen und er spürte wie die Brille sich in seine Haut bohrte. Immer tiefer drückte sie sich und stellte die Elastizität des rechten Auges auf die Probe… bis es nach gab.
*PLOPP*
Der Junge, geblendet vom Geschehen, wurde ohnmächtig und prallte mit dem Gesicht auf den kalten Boden. Die Brille sie lag neben ihn, musterte ihn und sprach mit leiser Stimme: “Keine Angst… du wirst nicht blinder sein als vorher“. Sie drehte sich um und beendete ihre kurze, intensive Existenz im nächstgelegenen Mülleimer.
Dies ist eine wahre Geschichte.