Die Wurst-Therapie
by Graf von Garstig
Hamburg, 6.3.2012. Seit wenigen Wochen wird in Castrop-Rauxel die erste, stationäre Therapieform für notorische Fleischverweigerer angeboten. Diese neumodische Therapie zielt auf Menschen ab, die aufgrund einschneidener Erlebnisse ihre Lust auf Fleisch und die in Fleischform gebrachten, tierische Erzeugnisse verloren haben. Oft sind es Kindheitstraumata in Form von Zoo- oder Bauernhofbesuchen, welche einem gesunden, jungem Menschenkind ein Bild von Leid und falschen Tatsachen vermittelt. Hierbei trifft auch die Schulen eine große Mitschuld, die leider meist erst viel zu spät erste Anzeichen richtig deuten oder denen gar entgegenwirkt. Rudi Scharlonzke, Direktor der Gesamtschule Castrop-Rauxel Nord hierzu: “Wir verlieren den Überblick! Alles wird hektischer, teurer und der Leistungsdruck steigt enorm. Kinder werden krank, das ist der Lauf der Dinge, leider. Schuld sind doch diese Haustiere, diese kleinen!”.
Castrop-Rauxel vor wenigen Jahren. Janosch ist 19 Jahre alt und möchte nächstes Jahr sein Abitur machen. Er ist beliebt, in seiner Freizeit spielt er Computer, eines dieser neumodischen Spiele. Er malt gerne, hört viel elektronische Musik und trifft sich mit Freunden um zu raufen oder zu reden. Dann lernte er Ralf kennen. Zuerst waren die Gespräche tiefgründig und intensiv, es ging um Filme, um Frauen und um schottischen Whiskey. Dann sprach Ralf es an, dieses eine Thema, welches Janosch komplett aufwühlte: Vegetarismus. Ralf infizierte Janoschs Denke und manipulierte ihn. Er fing an sich nicht mehr zu waschen, kämmte immer seltener sein nussbraunes Haar und hörte oft nur noch “Kuschelrock”-Alben aus den 90ern. “Beim ersten mal, als ich in einen dieser Naturläden ging, da wurde ich total nervös und schämte mich ein wenig. Ralf meinte, ich solle mal die Dinkelkekse ohne Zusatz von Geschmacksverstärkern probieren. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht einmal, dass es so etwas wie Geschmacksverstärker gab. Ich probierte vorsichtig einen dieser Kekse, sie wurden zum Verkosten angeboten. Meine Lippen waren rau und der Keks zerbröselte in meinem Mund. Ich musste an meine Mutter denken, an ihren Sonntagsbraten und wie viel Liebe sie immer hinein steckte. Ich verriet sie in diesem Moment und ich bekam Angst, musste weinen.”. In diesem Moment hätte Janosch einen richtigen Freund gebraucht, doch nur Ralf war zur Stelle. In den folgenden Monaten, berichtet uns Janosch, verlor er sich immer weiter in diesem Vegetarismus. Er aß nur noch wenig, keine tierischen Fette, keine Butter, keine Eier. Er nahm ab und sah nicht mehr so frisch aus wie früher. Doch er wollte Ralf beeindrucken, wollte genauso stark sein wie er, genauso angesagt.
“Tofu” sprach Ralf eines Tages zu Janosch. “Kennst du Tofu?”. Janosch blieb still, seitdem er auf tierische Nahrung verzichtete hörte er auch nicht mehr so gut wie früher und fragte vorsichtig nach “Wie ‘wozu’?”. “Nein, Tofu. Lust auf Tofu?”. Janosch wusste nicht wie ihm geschah. Vor ihm eine Schüssel, gefüllt mit dieser weißen Substanz. Es sah aus wie gefrorenes Vanilleeis – nur ohne Sahne. Mit einem gespieltem Lächeln aß er vorsichtig davon und alles zog sich in seinem Mund zusammen. Er fühlte sich missbraucht, fühlte diese gallertartige Masse auf seiner Zunge, dann schluckte er. Alles drehte sich. Seine Eltern fanden ihn neben einer Mülltone, welche zu einem dieser “Bioläden” gehörte. “Wir waren besorgt. Wir wussten, dass etwas nicht stimmt mit unserem Jungen. Aber es hat geschmerzt Janosch dann so zu sehen, ohne Hose. Zum Glück hatte mein Mann wie immer eine Bifi dabei, womit wir Janosch wieder auf die Beine holen konnten. Ich habe mich anschließend sofort in das World Wide Web eingewählt und per Email einen Brief geschrieben um mich über diese neumodische Therapieform zu informieren. Janosch ist auf dem Weg der Besserung, ich danke Gott dafür”.
Janosch kann heute wieder lachen und seine Eltern begleiten Ihn bei diesem schweren Schritt. Er ist nun im “St. Schmetterling”-Klinikum in Castrop-Rauxel und wird dort unter Aufsicht von Fachärzten therapiert. Dr. Streng ist ihm zugewiesen und berichtet: “Janosch ist ein starker, junger Mann. Er macht große Fortschritte und alle, für ihn ausgewählten Therapieformen zeigen Wirkung. Für gewöhnlich starten wir mit einer Aromatherapie, doch nach langer Beratung mit seinen Eltern sind wir direkt zur Wurst-Therapie übergegangen. Man kann es sich so vorstellen: Der Darm, das Fundament einer Wurst, ist hier der Patient. Wurstbrät wird, unter Zuhilfenahme von Maschinen, dem Patienten oral hinzugefügt. Unter Aufsicht wird der Patient in einen Meta-Zustand versetzt. Ihm wird suggeriert, er sei der Darm.”
Weitere, vielversprechende Therapien wird Janosch noch absolvieren müssen, bevor er ohne zu weinen über “Hackfleischersatz”, “Tofu” oder “Fleischersatz in Bärchenwurstform” sprechen kann. Wir drücken Janosch weiterhin die Daumen, viel Erfolg!






